{"id":4010,"date":"2021-11-18T17:37:12","date_gmt":"2021-11-18T17:37:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worck.eu\/?p=4010"},"modified":"2021-11-19T07:26:53","modified_gmt":"2021-11-19T07:26:53","slug":"projektemacherei-und-diskursimperialismus-statt-kooperation-und-innovation-ein-erfah-rungsbericht-aus-der-europaischen-forschungslandschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/worck.eu\/2021\/11\/18\/projektemacherei-und-diskursimperialismus-statt-kooperation-und-innovation-ein-erfah-rungsbericht-aus-der-europaischen-forschungslandschaft\/","title":{"rendered":"Projektemacherei und Diskursimperialismus statt Kooperation und Innovation? Ein Erfah-rungsbericht aus der europ\u00e4ischen Forschungslandschaft"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:780px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-custom fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" style=\"--button_accent_color:#c00808;--button_border_color:#c00808;--button_accent_hover_color:#c00808;--button_border_hover_color:#c00808;--button_border_width-top:3px;--button_border_width-right:3px;--button_border_width-bottom:3px;--button_border_width-left:3px;--button-border-radius-top-left:1px;--button-border-radius-top-right:1px;--button-border-radius-bottom-right:1px;--button-border-radius-bottom-left:1px;--button_gradient_top_color:#ffffff;--button_gradient_bottom_color:#ffffff;--button_gradient_top_color_hover:#ffffff;--button_gradient_bottom_color_hover:#ffffff;\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/www.worck.eu\/2021\/11\/18\/project-making-and-discourse-imperialism-instead-of-cooperation-and-innovation-some-re-flections-on-my-experiences-in-the-european-research-area\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">English<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:780px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\"><p><em>Von Peter-Paul B\u00e4nziger (Universit\u00e4t Basel)<\/em><\/p>\n<\/div><div class=\"fusion-text fusion-text-2\"><p>In einem 2017 gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch geht Tu\u011frul Erbaydar, Arzt und Gr\u00fcndungsmitglied von A\u0130DS Sava\u015f\u0131m Derne\u011fi (Verein f\u00fcr den Kampf gegen Aids) auf die Geschichte von Aids und HIV in der T\u00fcrkei der 1990er Jahre ein. Unter anderem stellt er fest:<\/p>\n<p>\u00bbEine weitere parallele Entwicklung \u2013 und das mag f\u00fcr Ihr Forschungsinteresse sehr wichtig sein \u2013 war das Aufkommen von EU-gef\u00f6rderten Projekten mit gro\u00dfen Budgets, die die gesellschaftliche Arbeit zu Aids in der T\u00fcrkei \u00fcbernommen haben. [\u2026] Pers\u00f6nlich bin ich \u00fcberzeugt, dass so gro\u00dfe Projekte gro\u00dfen Schaden erzeugen. [\u2026] An der Spitze dieser und \u00e4hnlicher Organisationen stehen Akademiker:innen mit wissenschaftlicher Perspektive oder Teams, die ihren Lebensunterhalt ausschlie\u00dflich \u00fcber die Akquise von Projekten verdienen. Es sind also Institutionen, die sich detailliert anschauen, in welchen Bereichen die EU Projekte mit hohen Budgets ausschreibt \u2013 wenn es in einem Jahr Aids-Projekte sind, arbeiten sie im Bereich Aids. Wenn hingegen die WHO oder die Weltbank einen finanzstarken Fonds im Bereich Alphabetisierung ank\u00fcndigen, k\u00fcmmern sie sich um Lesen und Schreiben. Sie arbeiten also entlang von M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Projekte \u2013 und das sind dann immer gro\u00dfe Projekte. Das ist nichts Schlechtes, aber es gibt eine Projekt-Professionalit\u00e4t, die daraus resultiert. Ich denke immer, dass das Zurverf\u00fcgungstellen von Projektmitteln auch ein Manipulationsmechanismus ist. [\u2026] Niemand kann mit dreitausend Dollar ein ganzes Land manipulieren. Aber mit 250&#8217;000 Euro k\u00f6nnen sie sehr wohl manipulieren. [\u2026] Beispielsweise ist eine der Bedingungen, dass es <em>partnerships<\/em> gibt. Pro forma geht es um Zusammenarbeit. Aber das ist eine L\u00fcge. Es hei\u00dft: \u203aDu solltest allein gar nichts machen.\u2039 Denn wenn du allein etwas auf die Reihe kriegst, befreist du dich noch. Und Befreiung ist nicht der Zweck. Der Zweck ist, dass du dich an die EU bindest. In diesem Zusammenhang \u00e4u\u00dfert sich das Handeln der Europ\u00e4ischen Union als eine Art des Imperialismus. [\u2026] Was ist denn nach all den Projektpartnerschaften entstanden? Verf\u00fcgen wir in unseren wissenschaftlichen Netzwerken \u00fcber st\u00e4rkere Beziehungen? Nein.\u00ab<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Bei den von Erbaydar angesprochenen Forschungsinteressen handelt es sich um das von <a href=\"https:\/\/heranet.info\/\"><em>Humanities in the European Research Area<\/em> (HERA)<\/a> gef\u00f6rderte Forschungsprojekt <em><a href=\"http:\/\/europach.eu\/\">Disentangling European HIV\/AIDS Policies: Activism, Citizenship and Health <\/a><\/em><a href=\"http:\/\/europach.eu\/\">(EUROPACH)<\/a>, an dessen Leitung ich zwischen 2016 und 2020 beteiligt war. Am Beispiel von Aids und HIV fragten wir nach den Zusammenh\u00e4ngen von Gesundheit und (Staats-)B\u00fcrgerschaft sowie nach der Rolle, die soziale Bewegungen dabei spielen. Das Projekt basierte auf f\u00fcnf Fallstudien zur T\u00fcrkei, zu Polen, Gro\u00dfbritannien, Deutschland und zur gesamteurop\u00e4ischen Ebene, wobei die letzteren beiden Teilprojekte die Themen Strafvollzug und Bluttransfusion fokussierten. Mit dieser geografischen und inhaltlichen Ausrichtung bem\u00fchten wir uns um eine Dezentrierung der Schwulenbewegung und der westeurop\u00e4ischen \u00bbModellf\u00e4lle\u00ab oder \u00bbbest practices\u00ab als verbreiteten Strukturprinzipien von Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Geschichte und Gegenwart von Aids und HIV in Europa. Inwiefern, so wollten wir stattdessen wissen, entstand in den vergangenen vier Jahrzehnten gerade auch in diesem Bereich ein europ\u00e4ischer Handlungs- und Erfahrungsraum, dessen Vielfalt und Widerspr\u00fcchlichkeit die Basis f\u00fcr zuk\u00fcnftige Gesundheitspolitiken liefern kann, die eher inkludieren als ausschlie\u00dfen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Wir bem\u00fchten uns also explizit darum, den in Begriffen wie Modellfall oder best practice mitschwingenden westeurop\u00e4ischen Diskursimperialismus zu brechen. Doch stellt sich die Frage, inwiefern es sich bei EUROPACH und \u00e4hnlichen Forschungsvorhaben in struktureller Hinsicht um eines jener mehr oder weniger gro\u00dfen EU-Projekte handelte, von denen Erbaydar spricht. Das betrifft zun\u00e4chst einmal seine Kritik an den <em>partnerships<\/em>. Wie andere F\u00f6rderinstitutionen legt auch HERA gro\u00dfen Wert auf die Zusammenarbeit mit au\u00dferakademischen Organisationen und Personen, den sogenannten <em>Associated Partners<\/em> (AP). Wie die Beziehungen zwischen Forschenden und AP genau aussehen, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Es l\u00e4sst sich aber nicht bestreiten, dass letztere selten viel mehr als eine Statistenrolle spielen.<\/p>\n<p>Eine tiefgreifende Zusammenarbeit wird erstens durch die unterschiedlichen Interessen erschwert. Der <em>wissenschaftlichen Perspektive<\/em>, zu der nicht zuletzt auch die Karrierestrategien der einzelnen Forschenden geh\u00f6ren, steht die starke Praxisorientierung vieler AP gegen\u00fcber. In dieser Hinsicht lieferte die Zusammenarbeit mit unseren Partner:innen in der T\u00fcrkei allerdings auch ein Gegenbeispiel: Indem sie ihre Geschichten ver\u00f6ffentlichten, wobei die meisten von ihnen explizit auf eine Anonymisierung verzichteten, intervenierten sie in den politischen Deutungskampf um die Vergangenheit und Gegenwart der Gesundheitspolitik in der T\u00fcrkei, einen Kampf, den sie in erster Linie gegen die aktuelle Regierung f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Besonders ins Gewicht fallen d\u00fcrften zweitens die unterschiedlichen Zeithorizonte. Ein gro\u00dfes Problem ist die mit der Projektf\u00f6rderung einhergehende Kurzlebigkeit der Forschung. Sie sorgt nicht nur f\u00fcr zahlreiche Projektleichen im Internet: nicht mehr weitergef\u00fchrte Blogs und andere Angebote, von denen sich viele an ein breiteres Publikum richten. Sie entspricht auch kaum je der Arbeitsweise der AP, die oft sehr viel langfristiger, manchmal aber auch sehr viel kurzfristiger angelegt ist als die wissenschaftliche. Dass wir das Erscheinen der t\u00fcrkischsprachigen Version des Buchs, in dem das Gespr\u00e4ch mit Erbaydar abgedruckt ist, bis heute nicht ank\u00fcndigen konnten, ist eine direkte Folge dieser Umst\u00e4nde, der sich aufgrund der politischen Verh\u00e4ltnisse in der T\u00fcrkei st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Priorit\u00e4ten der AP genauso wie der kurzen Laufzeit unseres Projekts. Selbst wenn noch Geld vorhanden gewesen w\u00e4re, h\u00e4tten es die HERA-Richtlinien nicht erlaubt, es \u00fcber das Ende des Programms <em><a href=\"https:\/\/heranet.info\/projects\/hera-2016-uses-of-the-past\/\">Uses of the Past<\/a> <\/em>(2016-2019) hinaus verwenden. Seitens der Forschenden wiederum fehlten die materiellen wie zeitlichen Ressourcen, um auf eigene Faust weiterzuarbeiten. Dass es nach heutigem Stand dennoch zu einer Ver\u00f6ffentlichung kommen wird, ist den Ressourcen und der Beharrlichkeit der AP zu verdanken.<\/p>\n<p>Die Kurzlebigkeit erschwert auch die Zusammenarbeit innerhalb des Teams selbst. Bereits geraume Zeit vor Projektende m\u00fcssen sich die Mitarbeitenden um ihre finanzielle Zukunft k\u00fcmmern; Personalwechsel sind eher die Regel als der Ausnahmefall. Gemeinsame Produkte werden zugunsten von individuellen Publikationen auf die lange Bank geschoben und es ist kaum m\u00f6glich, das Netzwerk l\u00e4ngerfristig aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Zugleich gibt es immer mehr Forschende, die ihren Lebensunterhalt \u00fcber die Mitarbeit in Projekten verdienen. Bei denjenigen, die die Projekte einreichen, entsteht ein moralischer Druck, f\u00fcr diese Mitarbeitenden zu sorgen. Wo er ernst genommen wird, erg\u00e4nzt er die zunehmenden institutionellen Forderungen, m\u00f6glichst viele Drittmittel einzuwerben. Mitarbeitende wie Leitende geraten damit in den Sog der von Erbaydar angesprochenen <em>Projekt-Professionalit\u00e4t<\/em>: Man forscht zu Themen, f\u00fcr die es Geld gibt, und nicht notwendigerweise zu jenen, f\u00fcr die man sich am kompetentesten f\u00fchlt, am meisten interessiert oder die man als priorit\u00e4r betrachtet. Zweifellos entstehen Synergien, wenn viele im selben Feld forschen. Doch gleichzeitig wird es schwieriger, langfristig angelegte (Grundlagen-)Forschung zu betreiben \u2013 besonders dort, wo das Verh\u00e4ltnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln in eine Schieflage geraten ist. Zu den unr\u00fchmlichen Spitzenreiterinnen geh\u00f6rt hier die Schweiz.<\/p>\n<p>Zur Projekt-Professionalit\u00e4t z\u00e4hlt auch das Wissen darum, wie man Antr\u00e4ge formuliert. F\u00f6rderentscheide folgen Trends. Professionelle Projektemacher:innen wissen dies durchaus mit Erfolg zu nutzen. Auch deshalb l\u00e4sst sich auf europ\u00e4ischer wie nationaler Ebene eine gewisse Tendenz zur Uniformierung von Vorhaben erkennen, die sich nicht auf das mittlerweile fast schon obligatorische Akronym (EUROPACH) beschr\u00e4nkt. Abgesehen von den thematischen Vorgaben und der fortschreitenden Durchsetzung des Englischen betrifft er den Aufbau (die Formulierung von vier bis f\u00fcnf \u00bbForschungsachsen\u00ab beispielsweise), den Schreibstil (die st\u00e4ndige Betonung der Neuartigkeit), die Referenzen (man orientiert sich an der Bekanntheit statt an der Relevanz), die \u00d6ffentlichkeits- und Anwendungsorientierung selbst der Grundlagenforschung und teilweise sogar die Methodik.<\/p>\n<p>Ich kann mich erinnern, wie vor ein paar Jahren das Ger\u00fccht kursierte, dass auf europ\u00e4ischer Ebene jene Projekte mit zumindest teilweise quantitativer Methodik eine gr\u00f6\u00dfere Chance h\u00e4tten. Auch wenn das keineswegs auf alle Projekte zutrifft, an denen ich selbst beteiligt war oder bin, tragen solche Ger\u00fcchte zu einer gewissen Stromlinienf\u00f6rmigkeit bei. Solange nicht Losverfahren f\u00fcr all jene Antr\u00e4ge eingef\u00fchrt werden, die minimale Anforderungen erf\u00fcllen, wird sich an diesen grundlegenden Problematiken nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wichtige strukturelle Probleme, mit denen die Arbeit in den schlie\u00dflich finanzierten Projekten konfrontiert ist, sind eine mehr oder weniger direkte Folge dieser Situation. Aufgrund der Kurzlebigkeit und der Pflicht zur kontinuierlichen \u00d6ffentlichkeitsarbeit und \u2013 in der Regel j\u00e4hrlichen \u2013 Berichterstattung entsteht ein nicht unerheblicher Druck, die Forschungsdaten (zu) fr\u00fch zu publizieren und mit vorl\u00e4ufigen Ergebnissen um die Aufmerksamkeit des breiteren Publikums zu werben. Darunter leiden die Konstituierung der Forschungsteams und das wissenschaftliche Arbeiten.<\/p>\n<p>Zugleich f\u00fchrt die Durchsetzung des Englischen \u2013 neben der im <a href=\"https:\/\/www.worck.eu\/2021\/10\/29\/ermachtigung-neuer-akteurinnen-und-homogenisierung-der-perspektiven-ein-beitrag-zu-den-ambivalenten-auswirkungen-der-europaischen-forschungsforderung-im-bereich-der-agrargeschichte\/\">Blogbeitrag von Peter Moser<\/a> angesprochenen epistemologischen Problematik \u2013 zu einem doppelten Ausschluss all jener, die sich in dieser Sprache nicht flie\u00dfend ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Erstens haben sie geringere Chancen, eine Stelle zu erhalten, wenn sie sich \u00fcberhaupt bewerben; und zweitens riskieren sie, innerhalb der Projektteams marginalisiert zu werden. Selbst in unserem Projekt war die Beherrschung des Arabischen, Kurdischen, Polnischen oder T\u00fcrkischen, die f\u00fcr das Erreichen der Projektziele unentbehrlich waren, oftmals weniger wichtig als jene des Englischen. F\u00fcr das Formulieren der Antr\u00e4ge wie f\u00fcr die Koordination der erfolgreichen Projekte ist zugleich ein besonderer Arbeitsmarkt entstanden, in dem Personen mit englischer Erstsprache klare Vorteile haben (was selbstverst\u00e4ndlich nichts \u00fcber deren wissenschaftlichen Qualit\u00e4ten aussagt).<\/p>\n<p>Dank computergest\u00fctzter \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten d\u00fcrfte die Sprachproblematik in absehbarer Zeit f\u00fcr die Textproduktion an Bedeutung verlieren. Auch wenn uns die Industrie eine Zukunft verspricht, in der <a href=\"https:\/\/www.cnbc.com\/2017\/10\/12\/apple-ceo-tim-cook-learning-to-code-is-so-important.html\">Programmier<\/a><a href=\"https:\/\/www.cnbc.com\/2017\/10\/12\/apple-ceo-tim-cook-learning-to-code-is-so-important.html\">&#8211; wichtiger als Sprachkenntnisse<\/a> sind \u2013 von den damit einhergehenden neuen Ausschl\u00fcssen ganz zu schweigen \u2013, wird dies auf m\u00fcndlicher Ebene jedoch kaum der Fall sein. Es steht au\u00dfer Frage, dass im Projektalltag eine gemeinsame Sprache n\u00f6tig ist. Nicht hier sehe ich den Kern des Problems, sondern in der Tatsache, dass es auf allen Ebenen an Erfahrungen und Strategien fehlt, wie man produktiv mit dieser Situation umgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel \u00fcber Ausschlusspraktiken debattiert und geforscht. Wichtige Impulse kamen dabei aus der anglophonen Welt. Nicht zuletzt gibt es dort seit einiger Zeit auch eine Debatte \u00fcber den ausschlie\u00dfenden Charakter akademischer und anderer Soziolekte, kaum aber \u00fcber vergleichbare Effekte der englischen Sprache als solche (vgl. dazu auch den <a href=\"https:\/\/www.worck.eu\/2021\/11\/05\/knowledge-and-power-the-languages-of-academia\/\">Blogbeitrag von Christian De Vito<\/a>). Wir alle k\u00f6nnen bei der Suche nach L\u00f6sungen behilflich sein. Vor allem aber stehen die (europ\u00e4ischen) F\u00f6rderinstitutionen in der Pflicht, von den gef\u00f6rderten Projekten konkrete Pl\u00e4ne dazu einzufordern, aber auch die entsprechenden Ressourcen bereitzustellen.<\/p>\n<p>Noch ist die Situation selbst bei der Textproduktion durch Ungleichheiten gepr\u00e4gt. So finanzieren viele Institutionen nur \u00dcbersetzungen ins Englische und die COST-Richtlinien beispielsweise sehen ausschlie\u00dflich Gelder f\u00fcr das Lektorieren englischsprachiger Texte vor. Auf diese Weise ist ein weiterer Arbeitsmarkt entstanden \u2013 f\u00fcr \u00dcbersetzer:innen mit englischer Erstsprache. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der neuen computergest\u00fctzten \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten k\u00f6nnten und sollten die europ\u00e4ischen F\u00f6rderinstitutionen jedoch die Mehrsprachigkeit zum Ziel erkl\u00e4ren, anstatt weiterhin dem \u00fcberkommenen Traum nachzuh\u00e4ngen, dass alle eine einzige Wissenschaftssprache verwenden sollen \u2013 nota bene die Sprache zweier westlicher Imperien. \u00dcbersetzungen aus allen und in alle in Europa gesprochenen Sprachen und das Lektorat dieser Texte sollten deshalb gleichberechtigt gef\u00f6rdert werden. Damit k\u00f6nnte nicht zuletzt der im <a href=\"https:\/\/www.worck.eu\/2021\/10\/22\/dlaczego-publikowanie-po-angielsku-moze-byc-najlepszym-wyborem-doswiadczenia-badaczki-historii-plci-z-europy-srodkowo-wschodniej\/\">Blogbeitrag von Natalia Jarska<\/a> angesprochenen Tendenz entgegen gearbeitet werden, dass nationalistisches Wissen zunehmend in lokalen Sprachen konserviert wird, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der englisch gef\u00fchrten wissenschaftlichen Debatte. Mehrsprachigkeit f\u00f6rdert die Durchl\u00e4ssigkeit in beide Richtungen und sie wird dem Alltag einer zunehmenden Zahl von Menschen gerecht.<\/p>\n<p>Ein letzter Punkt, den ich ansprechen m\u00f6chte, ist der von Erbaydar angesprochene <em>Imperialismus<\/em>, das Ziel der Bindung an die EU. Es l\u00e4sst sich kaum bestreiten, dass dies bis zu einem gewissen Grad auch f\u00fcr die europ\u00e4ische Forschungslandschaft gilt. Wenn beispielsweise in typisch technokratischer Diktion von \u00bbInclusiveness Target Countries (ITC)\u00ab die Rede ist, werden die Forschenden dieser L\u00e4nder nicht nur gef\u00f6rdert, sondern immer auch als andere markiert. Das ist letztlich die Herangehensweise der Entwicklungshilfe, mit der ganzen Problematik, die damit einhergeht. Im schlechtesten Fall werden Forschende aus den ITC schlicht und einfach deshalb zur Mitarbeit in einem Konsortium eingeladen, weil dies in der Evaluation Punkte bringt. Aber auch in den anderen F\u00e4llen bleibt meistens unhinterfragt, was der Standard ist; es sind kaum je die Wissenschaftskultur oder die methodischen Trends jener L\u00e4nder, die inkludiert werden sollen. Wie sich im Kontext von EUROPACH immer wieder gezeigt hat, wird es kaum je Modellf\u00e4lle geben, die ohne Weiteres auf andere Orte, soziale Gruppen und Zeiten \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Und was f\u00fcr das Gesundheitswesen gilt, trifft auch auf die Wissenschaft zu.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Wenn ich hier auf einige grundlegende Probleme der europ\u00e4ischen Projektf\u00f6rderung aufmerksam machen wollte, so bedeutet das selbstverst\u00e4ndlich nicht, dass sie nicht auch viele gute Seiten hat. Nicht zuletzt gibt es funktionierende internationale Kooperationen. Einige Dinge, die es dabei zu beachten gilt, erw\u00e4hnt Kemal \u00d6rdek, Mitbegr\u00fcnderin von <em><a href=\"http:\/\/kirmizisemsiye.org\/\">K\u0131rm\u0131z\u0131 \u015eemsiye Cinsel Sa\u011fl\u0131k ve \u0130nsan <\/a><a href=\"http:\/\/kirmizisemsiye.org\/\">Haklar\u0131 Derne\u011fi<\/a><\/em> (Roter Regenschirm. Verein f\u00fcr sexuelle Gesundheit und Menschenrechte). Mit ihrer Beschreibung des <a href=\"https:\/\/www.nswp.org\/\">Global Network of Sex Work Projects <\/a><a href=\"https:\/\/www.nswp.org\/\">(<\/a><a href=\"https:\/\/www.nswp.org\/\">NSWP<\/a><a href=\"https:\/\/www.nswp.org\/\">)<\/a> m\u00f6chte ich schlie\u00dfen:<\/p>\n<p>\u00bbEs gibt ein board mit zwei Vertreter:innen von jedem Kontinent und die Arbeitsschwerpunkte sind oft Asien, Afrika, Latein- oder S\u00fcdamerika. Es ist also keine Western perspective, die dort dominant ist. Weil die NSWP eine Dachorganisation von Sexarbeiter:innen-Initiativen aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern ist, wird dort ein horizontaler Repr\u00e4sentationsansatz verfolgt. Ich habe da keine Bef\u00fcrchtung, dass es eine Western imposition geben k\u00f6nnte.\u00ab Hingegen gebe es \u00bbbei der WHO, bei UNAIDS und solchen Institutionen im Allgemeinen so eine Western perspective. In vielerlei Hinsicht stehen sie beispielsweise der Sexarbeit feindlich gegen\u00fcber. Das begr\u00fcnden sie dann mit Western Argumenten oder sie sagen beispielsweise: \u203aMuslimische Sexarbeiter:innen, wie kann das sein? Muslimisch-Sein und Sexarbeit, das geht doch gar nicht zusammen\u2039 [\u2026]. Es gibt solche und \u00e4hnliche orientalistische Aussagen. Naja, und dann erz\u00e4hlen wir.\u00ab<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><\/a><\/p>\n<\/div><div class=\"fusion-separator fusion-full-width-sep\" style=\"align-self: center;margin-left: auto;margin-right: auto;margin-top:-10Px;width:100%;\"><div class=\"fusion-separator-border sep-single sep-solid\" style=\"--awb-height:20px;--awb-amount:20px;--awb-sep-color:#f9b112;border-color:#f9b112;border-top-width:3px;\"><\/div><\/div>\n<div class=\"fusion-text fusion-text-3\"><p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a>Ich denke immer, dass das Zurverf\u00fcgungstellen von Projektmitteln auch ein Manipulationsmechanismus ist\u2026 Ein Pl\u00e4doyer gegen den Diskursimperialismus und die zunehmende Projektorientierung in der internationalen Gesundheitsf\u00f6rderung. Z\u00fclfukar \u00c7etin im Gespr\u00e4ch mit Tu\u011frul Erbaydar, in: Z\u00fclfukar \u00c7etin &amp; Peter-Paul B\u00e4nziger (Hg.): Aids und HIV in der T\u00fcrkei. Geschichten und Perspektiven einer emanzipatorischen Gesundheitspolitik. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag 2019, 239-268, hier 236ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a>Peter-Paul B\u00e4nziger &amp; Z\u00fclfukar \u00c7etin: Jenseits des Modellfalls Erz\u00e4hlungen \u00fcber Aids und HIV in Europa \u2013 eine Einleitung, in: Z\u00fclfukar \u00c7etin &amp; Peter-Paul B\u00e4nziger (Hg.): Aids und HIV in der T\u00fcrkei. Geschichten und Perspektiven einer emanzipatorischen Gesundheitspolitik. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag 2019, 9-34.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a>Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a>Die Menschen hier betreiben ihren Aktivismus in dem Bewusstsein, dass ein einziger ihrer S\u00e4tze der gesamten Gruppe schaden k\u00f6nnte\u2026 Ein Kampf f\u00fcr die sexuelle Gesundheit und die Rechte von Sexarbeiter:innen zwischen lokalen Interventionen und transnationalen B\u00fcndnissen. Z\u00fclfukar \u00c7etin im Gespr\u00e4ch mit Kemal \u00d6rdek, in: Z\u00fclfukar \u00c7etin &amp; Peter-Paul B\u00e4nziger (Hg.): Aids und HIV in der T\u00fcrkei. Geschichten und Perspektiven einer emanzipatorischen Gesundheitspolitik. Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag 2019, 55-83, hier 77ff.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":169,"featured_media":4008,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_ppma_block_editor_authors":""},"categories":[67,9,65],"tags":[],"ppma_author":[59],"class_list":["post-4010","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-academia-blog","category-blog","category-multilingual"],"authors":[{"term_id":59,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"peter-paul-banziger","display_name":"Peter-Paul B\u00e4nziger","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","user_url":"","last_name":"","first_name":"","job_title":"","description":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4010","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4010"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4010\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4020,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4010\/revisions\/4020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4010"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4010"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4010"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/worck.eu\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=4010"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}